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Ich hatte am Samstag das Vergnügen zwei Demonstrationen zu verfolgen, die durch die Innenstadt von Frankfurt gezogen sind. Die eine, eine Solidaritätsdemo mit Blockupy, die andere eine Solidaritätsdemo mit occupygezi in Istanbul.
Im Folgenden möchte ich einige Gedanken mit euch Teilen, die mir zu diesen beiden Demos in den Sinn kommen und eure Meinung dazu hören. Dabei möchte ich chronologisch vorgehen.

Zunächst die Blockupysolidemo. Die Demo war eine klassische Latschdemo mit einer Abschlusskundgebung. Die Teilnehmer waren vor allem bunt und friedlich und die Stimmung auf der Demo war ausgelassen. Die Polizei war dieses Mal nicht in einem Übermaß, wie bei den Blockupyaktionstagen letztes Wochenende, vertreten. Abgesehen von den üblichen Eingreiftrupps in Seitenstraßen. Standen nur vor der Bundesbank einige Beamte mit voller Montur. Diese blieben jedoch selbst im Angesichts der Bedrohung eines einzelnen Demonstranten, der sie mit einem Styroporgewehr imaginär beschoss, erstaunlich gelassen. Einer der Beamten konnte sich gar ein Schmunzeln nicht verkneifen. Allgemein waren beide Seiten bemüht sich nicht schon wieder gegenseitig das Leben schwer zu machen.
So konnte die Abschlusskundgebung der Demonstration auf dem Willy-Brandt-Platz mit dem Charakter eines alternativen Volksfestes stattfinden. Die Abschlusskundgebung, auf der Jeder mal loswerden konnte, was er so loswerden will, neudeutsch open-mic genannt, zeigte das facettenreiche Spektrum der Demonstranten. Vor allem aber wurde deutlich, dass die meisten schlichtweg keinen Schimmer davon haben, wie die Gesellschaft die sie kritisieren tatsächlich funktioniert. Geschweige denn wie Kapitalismus bzw. Märkte arbeiten. Während im wahrsten Sinne des Wortes im Volksfestcharakter Reden geschwungen wurden und unter Applaus, Parolen und Plattitüden ins Mikrofon gebrüllt wurden, war Gott-sei-Dank schon die Mehrheit der Leute nach Hause gegangen oder sonnte sich friedlich auf dem wieder eingepflanzten Rasen des ehemaligen Occupycamps. Die Organisatoren erklärten noch, wann wir das nächste mal solidarisch sein müssen und man konnte guten Gewissens nach Hause oder auf die nächste Party gehen. Alles in allem ein voller Erfolg jeder war solidarisch, friedlich und es gab keine besonderen Vorkommnisse.

Gegen 18.00 Uhr begann dann die von der TGB organisierte Demonstration gegen Erdogan bzw. eine Solidaritätskundgebung mit den Protesten in Istanbul teilzunehmen. Diese Demonstration war in vielerlei Hinsicht für mich spannend. Das wurde noch dadurch verschärft, dass ich wahrscheinlich der einzige Demonstrationsteilnehmer ohne türkische Sprachkenntnisse war.
Das war allerdings nicht so schlimm, da ein Freund der mich auf diese Demonstration mitgenommen hat für mich übersetzt hat und ich so die Slogans verstehen konnte. Außerdem war es unglaublich faszinierend das Drumherum zu beobachten. Diese Beobachtungen möchte ich mit euch teilen und diskutieren.
Ich selbst habe an der Demonstration teilgenommen, weil ich der Meinung bin, das Pluralismus wichtig ist und des möglich sein muss Meinungen in einer Gesellschaft frei zu äußern. Die Art und Weise wie in der Türkei gegen Demonstranten vorgegangen wurde und das Ausmaß der Gewalt, hat mich zutiefst traurig gemacht.

Ich muss auch einräumen, dass ich über die politische Realität in der Türkei wenig weiß in sofern bot die Demo für mich die Möglichkeit an Informationen zu kommen. Besonders wenn man sich überlegt, dass die Türkei immer wieder als EU-Beitrittskanditatin ins  Gespräch kommt und die Debatten darüber in der Regel auch zumeist von Unwissenheit gekennzeichnet sind.  Eine differenzierte journalistische Meinung hierzu bietet das DTJ (http://dtj-online.de/news/detail/2382/die_proteste_sind_eine_chance_fur_die_turkische_demokratie.html und http://dtj-online.de/news/detail/2413/die_neue_sprache_der_politik_gewalt_ist_keine_losung%E2%80%9D.html)
Leider war der Aufruf allein in türkischer Sprache, es ist also nicht verwunderlich,  dass kaum jemand der kein Türkisch spricht an  der Demonstration teil nimmt. Deutsch konnten aber alle auf der Demo und haben mir immer versucht zu erklären was gerade passiert, was gerufen wird und warum es gerufen wird.
Auch wenn es sich sehr befremdlich angefühlt hat unter einem Meer türkischer Fahnen teilweise noch mit Attatürkbild durch die Stadt zum Römer zu marschieren und auf dem Römerberg aus dem Lautsprecherwagen der Polizei türkische Reden zu hören.
Demoorganisatoren und Polizei waren sehr bemüht das Bild der friedlichen, ja fast schon harmonischen Demonstration aufrechtzuerhalten.

Das wurde besonders deutlich als ein Erdoganbefürworter laut schimpfend und wild gestikulierend den Demozug störte und die Ordner sofort deeskalierend einwirkten. Sodass der Provokateur und Familienpatriarch nur nachdem er in sicherer Entfernung  war das Bespucken der Demonstration andeuten konnte.

Alles in allem war es eine friedliche und angenehme Veranstaltung deutlich wurde das auch an den normalerweise strikt getrennten Fussballfans der verschiedenen Istanbuler Vereine gemeinsam Arm in Arm solidarisch gegen Erdogan demonstrieren.

Solidarität bedeutet also eine Verbundenheit mit den Zielen, Ideen und Aktivitäten einer anderen Gruppe verbunden zu fühlen.  Die wichtigste Voraussetzung dazu ist aber gegenseitiges Verständnis.  Zu diesem Verständnis in der deutschen Öffentlichkeit hat die Demo leider wenig beigetragen. Für den nicht-türkischsprachigen Sah es ein wenig aus, als wenn die türkische Nationalmannschaft ein EM-Spiel gewonnen hat. Zwar erklärt die FR (http://www.fr-online.de/frankfurt/protest-gegen-erdogan–tuerken-demonstrieren-in-frankfurt-,1472798,23091224.html) grob worum es bei der Demo ging und lässt die Organisatoren zu Wort kommen, erweckt jedoch den Eindruck, dass es sich dabei um einen gesamttürkischen Protest gehandelt habe. Die Pluralität des Protestes, sowie die komplexe Zusammensetzung in Istanbul geht jedoch dabei unter.  Genau diese gilt es aber zu verstehen, wenn man sich mit der Bewegung solidarisieren möchte. Welche Überzeugungen werden dabei vertreten. Interessante Punkte dabei sind z.B.: Die Rolle des türkischen Militärs, die Rolle der Kurden, Aleviten, Armenier, christlicher, religiöser und anderer Minderheiten oder Individuen, die sich durch Erdogans Regierung nicht mehr vertreten werden. Andere Artikel thematisieren nun die Rolle der Deutsch-Türken bei den Protesten oder den europäischen Geist auf dem Taksim-Platz. Die Artikel suggerieren, dass Taksim nicht soweit entfernt ist wie es scheint.

Mir ist vor allem bei einem Efes-Bier am nahegelegenen Kiosk klar geworden, dass die Türkei gar nicht mehr soweit entfernt ist und es uns allen gut tut uns gegenseitig besser kennenzulernen. Nachdem wir in Anspielung auf die Verschärfung der Alkoholgesetzgebung einen auf Erdogan getrunken haben, wurde mir  von zwei Demoteilnehmern zwinkernden Auges attestiert, dass ich gut integriert bin. Vor allem das Gespräch hat mich dazu bewogen diesen Artikel zu schreiben, dieses Gespräch gilt es zu suchen und weiterzuführen. Vielleicht sind wir uns in der Integrationsdebatte ja doch näher als manch einer glaubt. Mir zumindest ist es in dem Artikel schwer gefallen, zu definieren wer nun Deutsch, wer Türke oder Deutschtürke oder was auch immer ist. Die gesellschaftliche Realität ist wesentlich vielfältiger, als es bspw. Der FR Artikel darstellt. Und diese Realität verstehen zu wollen heißt solidarisch sein, denn nur wer versteht kann sich auch integrieren, identifizieren und solidarisieren.
Ich freue mich auch hier wie immer über Information oder Kritik.

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